Gießener Allgemeine vom 21.2.2003

Die Lahn kann schnell zu einem Problem werden.

Amtsleiter stellten bei BUND-Veranstaltung bestehende und geplante Maßnahmen zum „Hochwasserschutz in Gießen“ vor

Gießen (elo). Die Hochwasserkatastrophe an der Elbe und ihren Nebenflüssen hat deutlich gezeigt, dass es innerhalb kürzester Zeit zu verheerenden Überschwemmungen und Sachschäden in Milliardenhöhe kommen kann. Ganz zu schweigen von der Lebensgefahr, die für die Menschen in dem betroffenen Gebiet besteht. Wie aber sieht die Situation an der Lahn und speziell im Stadtgebiet von Gießen aus? Hatte doch erst kurz vor dem Jahreswechsel ein Pegelstand von 6,30 Meter für viele überschwemmte Straßen gesorgt. Der BUND-Kreisverband hat diese Frage zum Anlass genommen, sich in einer vierteiligen Vortragsreihe von Experten über Schutzmaßnahmen informieren zu lassen.

Den Anfang machte am Dienstagabend der Leiter des städtischen Tiefbauamts, Clemens Abel, der in seinem Vortrag im Winchesterzimmer der Kongresshalle über bisherige sowie zukünftige Maßnahmen des »Hochwasserschutz in Gießen« berichtete. Abel bedauerte es, dass es erst solcher Katastrophen bedürfe, damit dieses wichtige Thema wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerate. »Obwohl Gießen, auch wenn dies vielen anders erscheint, zu den eher trockeneren Gebieten in Deutschland zählt, kann die Lahn bei Hochwasser schnell zu einem Problem werden«, gab er zu bedenken. Denn die 600 Kubikmeter Wasser, die pro Sekunde hier vorbeiströmten, seien, verglichen mit anderen städtischen Gewässern, »gigantisch viel«. So brächten es die Wieseck und der Klingelbach auf gerade einmal 40 bzw. 5 Kubikmeter pro Sekunde.

„Hochwasser hat es in der Geschichte schon immer gegeben. Den höchsten Pegelstand verzeichnete man im Jahr 1342. Damals lag der Wasserstand etwa einen Meter höher als das Jahrhunderthochwasser von 1984“, relativierte Abel Aussagen, die hierbei von einem neueren Phänomen sprächen. „Die Hauptursache liegt immer noch in der Natur“ Dennoch hätten Aufschüttungen von Siedlungsflächen in den 50er und 60er Jahren, die Flussbegradigung sowie die Errichtung des Bahndammes der Lahn in jüngster Vergangenheit viel Raum genommen. Um vor allem die am stärksten bedrohte Weststadt zu schützen, habe man sich nun dazu entschlossen, sie mit einem Damm einzudeichen. „Denn ein Hochwasser wie damals hätte dort katastrophale Folgen.“ Zwar befinde man sich noch inmitten der Planungsphase, doch sei bereits jetzt klar, dass die Dammhöhe zwischen 1,30 und 1,70 Meter betragen und sich der Deich in das Landschaftsbild einfügen solle. Der vorgesehene Verlauf richte sich nach der Grenze des Baugebiets im Flächennutzungsplan. „Was wir dabei wegnehmen, soll aber an anderer Stelle wieder neu geschaffen werden.“

Gleichzeitig kritisierte Abel, dass das neue hessische Wasserschutzgesetz die Bebauung in potentiellen Überschwemmungsgebieten wieder erlaube, sofern sich dort bereits Gebäude befänden. Zukünftige Maßnahmen des Hochwassermanagements sähen zudem die Einrichtung weiterer Rückhalteräume, etwa im Verlauf der Wieseck, vor. „Eine wichtige Rolle spielt auch die Öffentlichkeitsarbeit.“ In Zukunft dürfe es nicht mehr heißen „Schutz vor Hochwasser“, sondern „Leben mit dem Hochwasser.“ So müssten Schadenspotenziale festgestellt und Meldeketten sowie ein Frühwarnsystem, mit der Einbindung umliegender Gemeinden, eingerichtet werden.

Jürgen Friedel, Leiter des städtischen Gartenamtes, konnte mitteilen, dass man derzeit über eine Retentionsfläche von über 300 000 Kubikmetern verfüge und weitere 80000 im Bereich Kropbach/A480 in Vorbereitung seien. „Jeder weitere Kubikmeter ist ein Gewinn“, sah er hier aber noch erheblichen Bedarf.

Abschließend präsentierte er Pläne zu weiteren Renaturierungsmaßnahmen an der Lahn. „Bei einem N Stück Ufermauer bricht noch keine Welt zusammen“, appellierte er an den BUND, Verständnis für die Einrichtung begehbaren Uferraums an manchen Stellen aufzubringen. Schließlich dürfe auch die Bedeutung der Lahn als Naherholungsgebiet nicht vergessen werden.