BUND-Pressemitteilung 19.05.2008

Ist Raps wirklich eine Erfolgsgeschichte?
Der Bericht des Regierungspräsidiums Giessen will diesen Eindruck vermitteln!

Stellungnahme zum Artikel „Rapsanbau hat sich verdoppelt“ im „Gießener Anzeiger“ vom 16.5.2008

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Kreisverband Gießen kritisiert die einseitige Stellungnahme des Regierungspräsidiums Gießen zum komplexen Sachverhalt Agrarrohstoffe.

Die „Fakten“ des Regierungspräsidiums zur Rechtfertigung der Verdoppelung des Rapsanbaus (Gießener Anzeiger, 16.5.2008, Seite 23) sind unter Umweltgesichtspunkten als fragwürdig zu betrachten. Schon die Begriffe „Biotreibstoff“, „Biosprit“ und „Biodiesel“ sollen diesen Treibstoffen ungerechtfertigterweise zu einem positiven Image verhelfen. Raps wird zur Kraftstoff-Herstellung nicht biologisch angebaut sondern mit erheblichem Einsatz von Agrochemikalien, z. B. Mineraldünger. Daher ist hierfür der Begriff „Agrodiesel“ fachlich gerechtfertigt.

Die angebliche Verminderung der Kohlendioxid-Abgabe in die Luft bei Verwendug von Agrodiesel verkehrt sich ins Gegenteil, wenn die Bilanz nach dem üblichen Anbauverfahren von Raps vollständig betrachtet wird. Wie Nobelpreisträger P. J. Crutzen mit amerikanischen, britischen und österreichischen Kollegen herausgefunden hat (www.atmos-chem-phys-discuss.net/7/11191/2007), verursacht die Abgabe von Lachgas nach der üblichen Düngung von Rapsfeldern eine bis zu 1,7 fache Erwärmung der Atmosphäre im Vergleich zu herkömmlichem Diesel.

Ökobilanzen für Agrokraftstoffe, die im Auftrag von schweizerischen Bundesämtern erstellt wurden, zeigen insgesamt noch negativere Ergebnisse (www.esu-services.ch/bioenergy.htm). Agrodiesel aus Rapsöl belastet die Umwelt um mehr als das Doppelte stärker als herkömmlicher Diesel. Das liegt vor allem an der stärkeren Belastung des Grundwassers und des Bodens beim Raps-Anbau.

Auch die hessische Landesverwaltung hat bilanziert, das der Anbau von Energie-Pflanzen auf ehemaligen Brachen die Nitratbelatung des Grundwassers merklich verstärkt.

In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu lesen, wie die Obere Wasserbehörde des Regierungspräsidiums den Rapsanbau in Trinkwassergewinnungsgebieten bewertet.

In den nächsten Monaten werden auch in Hessen Bewirtschaftungspläne für das Grundwasser und die Oberflächengewässer zur Umsetzung der Eu-Wasserrahmenrichtlinie erarbeitet. damit soll der gute Gewässerzustand bis 2015 erreicht werden. Das bedeutet, dass die Gewässerbelastung abnehmen muss. Der verstärkte Rapsanbau wirkt hier gegenteilig.

Die bisherige Verdoppelung und weitere Zunahme von großflächigen Monokulturen mit Einsatz von Pestiziden und Stickstoff-Dünger wirkt sich negativ auf die biologische Artenvielfalt aus. Auch hierzu ist die Bewertung der Oberen Naturschutzbehörde (ebenfalls RP) interessant?

Die Bundesrepublik Deutschland und das Land Hessen haben sich verpflichtet, den Artenschwund bis 2010 zu stoppen. Auch dieses Ziel steht im Widerspruch zu verstärktem Rapsanbau.

Monaten haben prominente Wissenschaftler und Beratungsgremien von Regierungen und internationalen Organisationen einhellig vor der Ausweitung des Agrokraftstoff-Einsatzes wegen der vorhersehbaren verheerenden Folgen für die Umwelt, die Ernährungssituation der Menschen und der sozialen Auswirkungen für die Gesellschaft gewarnt. Auch das Regierungspräsidium Gießen sollte den Stand der Wissenschaft in seine agrarpolitische Ausrichtung einbeziehen.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz meint, gerade das Regierungspräsidium als Bündelungsbehörde darf nicht einseitig agrarpolitisch argumentieren, sondern muss wegen seiner Zuständigkeiten in Naturschutz und Wasserrecht deren Erkenntnisse ebenfalls darstellen.

Dabei spricht sich der BUND-Kreisverband keinesfalls gegen Nachwachsende Rohstoffe aus der Landwirtschaft aus. Vor der ineffektiven Kraftstoffnutzung sollten aber Energieeinsparung, effektivere Nutzungsmöglichkeiten wie die der Kraft-Wärme-Kopplung und ökologische Anbaumethoden Grundlage einer Energiewende sein!

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